München als Frei-Raum. Stefan George in Bayern.
So ganz scheint es ja nicht zu passen. Da ist der über allem stehende, das Volk und sein Treiben mißbilligende George, Künder des Neuen Reichs. Der angebetete und gefürchtete Meister, poeta vates, der Seher-Dichter. Und dann ist da München, genauer gesagt, das Prinzregenten-München. Die launige, laute, bohèmehafte Stadt, die alle anzieht, die in der Heimat nicht so recht akzeptiert wurden oder sich nicht einfügen wollten, Die Stadt die leuchtet, irrlichtert, schunkelt und schludert, der man eine "sinnlich-dekorative und karnevalistische Kunstgesinnung" und eine "töricht harmlose Lebenstimmung" (1) nachsagt.
Auf den ersten Blick scheinen der Dichter Stefan George und das München um 1900 nicht unbedingt zueinander passen zu wollen.
Und doch hat George von 1901 bis 1919 regelmäßig jeweils zu Jahresbeginn einige Monate in München verbracht.Und zwar nicht irgendwo in München, sondern im "Auge des Boheme-Orkans", im Künstlerdorf Schwabing, das erst 1890 in die Stadt München eingemeindet worden war und immer etwas Besonderes oder wie Franziska zu Reventlow es nannte,"Enormes" hatte.
George, der zeitlebens keine eigene Wohnung besaß, sondern itinerant blieb, war bei seinen München-Aufenthalten Hausgast von Karl und Hanna Wolfskehl.Karl Wofskehl, durch eine Erbschaft wirtschaftlich unabhängig und eine Art Polymath, war eine der schillerndsten Gestalten in Schwabing. Wichtiger aber war seine Rolle als Impresario. Der Wolfskehlsche "Jour" hatte eine wichtige Rolle als - wie man heute sagen würde - "Networking-Event". Jüngere Künstler konnten wichtigen Einflußnehmern vorgestellt werden, Musikdarbietungen wurden von bedeutenden Journalisten rezensiert, erste Manuskripte wurden durch Empfehlungen zu Publikationen.
Um diesen Salon an der Spitze der Künstler-Gesellschaft zu erhalten, waren natürlich "Ereignisse" und "Persönlichkeiten" vonnöten. Und George, mystisch schwebend, selten anzutreffen, paßte hervorragend in diesen anspruchsvollen Münchener Zirkel. Was aber war Georges Motivation sich in der bayerischen Hauptstadt derartig präsentieren zu lassen? Freie Kost und Logis werden es wohl kaum gewesen sein.
Die Zeit vor den lange Münchenaufenthalten verbrachte George regelmäßig mit Mutter und Schwester im Elternhaus bei Bingen. Das war die Zeit über Weihnachten und die Festtage. Nach den engen Verhältnissen dort und den wenig stimulierenden Gesprächen muß die Münchener Atmosphäre befreiend und berauschend gewirkt haben. Wolfskehls' Wohungen, zunächst in der Leopoldstrasse (Nr.15 und 87) später Römerstr.16 boten George jegliche Freiheit. Das Haus in der Römerstraße ist restauriert und gibt einen Eindruck der hochherrschaftlcihen Verhältnisse. Zudem wurde für George eine eigene Wohnung dazu gemietet, eine Mansardenwohung mit zwei Zimmern. Dies darf man sich ebenfalls nicht als Kämmerchen oder Stube unter dem Dach vorstellen, vielmehr als ein großzügiges Appartment, das George nach eigenen Entwtürfen einrichten ließ und über das er natürlich frei verfügte.
Nicht zu vergessen, waren die erste beiden Jahresmonate, die sich George als "München-Zeit" aussuchte natürlich auch die Karnevalsmonate. Künstlerfeste, Maskeraden, Kostümveranstaltungen, Bauerrnbälle. Letztere hat Franziska zu Reventlow immer wieder beschrieben - taumelnd, fallend, tanzend, vitalistisch, kosmisch etc. das gesamte Vokabular dieser Zeit wird genutzt. "Esoterische Koterien" mit "permanenter Maskenfreiheit" werden im Doktor Faustus erwähnt. (2) Und so ähnlich hat es George wohl auch schätzen gelernt. Die Fotografien mit kaum bekleideten Knaben, die George verkleidet als Dante huldigen, stehen mittlerweile stellvertretend für diese "esoterische" Kostümierungen im Münchner Fasching.
Und genau hier wird eine bestimmte Frage unausweichlich, die zugleich Antwort gibt auf unser Thema. Nämlich - wäre es möglich gewesen, sich im preußischen Berlin des Jahres 1903 auf diese Weise zu präsentireren? Wären halbnackte Knabe ("Epheben") dort so gern im Umkreis eines "Meisters" gesehen worden? Wohl kaum. George wäre Gefahr gelaufen,als "Päderast" (so der damals gängige Ausdruck) unter §175 ageklagt zu werden. Die Moltke /Harden/Eulenburg Causa (1906) zeigt, wie fruchtbar der Boden für Denunziationen und Verleumdungen war.
George selbst war sich über seine Lage und die enorme Freiheit, die ihm das prinzregentliche München bot, durchaus bewußt ."In Berlin wäre man eingesteckt worden [ins Gefängnis gekommen], resümiert er realistisch gegenüber Edith Landmann .(3) Auch der zur Gottheit erhobene Maximin, war je bei Licht besehen nur ein 13jähriger hübscher Gymnasiast, den George 1902 auf der Straße ansprach und zu sich einlud.
Und gerade auch in dem Verhältnis zu Maximin konnte George sich in der kunsttrunkenen Atmosphäre Münchens darauf verlassen, daß hier romantisch- unrealistisch geurteilt wurde anstatt bürgerlich-normativ. George sagt rückblickend:
"Dadurch enstand jene Atmosphäre im München von 1899-1903, welche alle, die hineintraten, ja die ganze Stadt zum Orte neuer Trächtungen machte und eine Aufwühlung aller erstarrten Lebenselemente innerhalb der bürgerlichen Welt hervorrief [...] aber in jedem, der noch ursprünglicher Erschütterung fähig war, eine unerhörte Sicht ins Lebendige, eine tägliche Bereicherung des Erlebens [...] erzeugte."(4)
Auch Ludwig Klages machte sich offensichtlich wenig Sorgen um mögliche Probleme mit der Münchener Polizei wenn er dasVerhältnis mit der zwölfjährigen Hedwig Bernhard als ein rein körperliches und völlig profanes beschrieb.
Das liberale München ließ George gewähren. Seine im realen Leben wohl etwas seltsam anmutende Freundschaft mit einem Gymnasiasten, von den Eltern widerwillig geduldet, von Wofskehl wohlwollend und gutgläubig in das Schüler-Meister-Verhältnis erklärbar gemacht, wird später vom Dichter selbst in sein Kunstwerk "Maximin" verwandelt.
So ensteht Kunst direkt aus der Freiheit zur unbürgerlichen Lebensführung ohne den Umweg über Verdrängung, Verstecken oder psychologische Sublimierung nehmen zu müssen. Selbst Georges mythische Monumentalisierung des eigenen Lebens wäre nicht möglich gewesen ohne die ihm damals vergönnte Atmosphäre der Liberalitas Bavariae.
----------------------------------------
(1) Thomas, Mann: Doktor Faustus, Gesammelte Werke in dreizehn Banden, Frankfurt 1990, S. 269.
(2) ebd.
(3) Edith Landmann: Gespräche mit Stefan George, Düsseldof 1963, S.52
(4) Friedrich Wolters: Frühe Aufzeichungen, hg. Michael Philipp, Amsterdam 1996, S.41f.

























